Plädoyer zur Erhaltung der Arbeitskraft

aufwachen
aufstehen
anziehen
losgehen
ankommen
arbeiten
aufbrechen
heimkommen
essen
schlafen
7 Tage die Woche
365 Tage im Jahr
2 Tage pro Woche Pausentaste gedrückt
30 Tage Standby
40 Jahre lang
Und dann wache ich eines Morgens auf, schaue in den Spiegel, sehe mir zum ersten Mal seit Jahren wieder in die Augen und erkenne den Menschen nicht mehr, der da vor mir steht.
Ich erschrecke vor mir selbst, bin ich doch nur noch ein Schatten von der Person, die ich einmal war.
Eigentlich ist es nicht das erste Mal, aber früher habe ich immer wieder weggesehen, weil ich es nicht wahrhabe wollte. Aber jetzt geht es nicht mehr.
Ich bin alt geworden, die Augen leer. Der wache Blick von früher verschwunden. Ich denke zurück.
Wo sind sie hin, die Träume von damals. Die Hirngespinste und Verrücktheiten, die das Leben so lebenswert gemacht haben. Ich wollte die Welt verändern, Teil von etwas Großem sein. Ich wollte niemals so werden wie die anderen, die gefangen waren in diesem System, wo jeder gleichgeschaltet wird. Wo du ein Niemand bist. Nur ein kleines Rad im großen Ganzen. Du wirst hineingestoßen in dieses System, dass sich Gesellschaft nennt, in der kreativsten Phase deines Lebens. Wenn du selbst noch keinen Plan hast und die Welt dir so groß und die Möglichkeiten unendlich erscheinen. Du musst dich einreihen, sonst wirst du niedergetrampelt und an den Rand gedrängt. Es ist fast wie in der Matrix. Willst du die blaue oder die rote Kapsel?*
Am Anfang war er noch versteckt, der Punk, unter einer Schicht von Stoff, mit der ich mich nicht identifizieren konnte. Ich dachte, ich hätte die rote geschluckt, spielte allen nur etwas vor und würde im richtigen Moment ausbrechen. Doch die Jahre vergehen und der richtige Moment kommt nie. Und jetzt bin ich drin. Jetzt haben sie mich. Und das System lässt mich nur schwer wieder los. Es ist so bequem, wenn man sich anpasst. Jeden Monat den kleinen Betrag auf sein Konto überwiesen bekommt. Dann sind sie nett zu mir. Sie lenken mich und erklären mir was wahr und was falsch ist. Bin ich krank, bekomme ich Pillen, die mir vorgaukeln, dass es alles wieder super ist. Damit meine Arbeitskraft erhalten bleibt. Ich mache den Spiegelschrank auf. Ich nehme die Packung und drücke eine Tablette aus dem Blister. Die blaue Kapsel. Die, für die Lüge. Ich schlucke sie herunter und betäube den Gedankensturm in meinem Kopf. Aber die Pillen helfen schon lange nicht mehr.

*Anm. d. Autorin: im Film „Die Matrix“ von den Wachowski-Geschwistern geht es um eine von Maschinen geschaffene Welt, in der die Menschen gezüchtete Wesen sind, die in einer Computer-Simulation leben und diese als ihre Wirklichkeit empfinden. Es gibt ein paar Menschen, die aus dem Kreislauf ausgebrochen/erwacht sind und nun auf den Auserwählten warten, der alle Menschen von den Maschinen befreien soll. Dieser Auserwählte soll ein junger Mann sein, der sich Neo nennt und noch in der Matrix lebt. Für die bereits erwachten Menschen ist es möglich zwischen realer Welt und Matrix zu wechseln. In einer Szene bekommt Neo von Morpheus, einem Menschen, der bereits erwacht ist, zwei Kapseln angeboten. Die Erkenntnis, dass es eine reale Welt gibt, erfolgt durch die Einnahme einer roten Kapsel. Wer die Erkenntnis ablehnt, kann die blaue Kapsel einnehmen und bleibt bei seinem alten Leben, kontrolliert durch die Maschinen. Neo hat die Wahl.

Gastbeitrag von Lydia

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